Dokumentarformat, bei dem Zuschauer Handlung oder Schnittfolge mitbestimmen — meist digital, verzweigt narrative. Grenze zwischen Film und Spielmechanik.
Die Zuschauerin sitzt nicht mehr passiv im Dunkel. Sie klickt, wählt, entscheidet — und der Film verzweigt sich. Das ist das Kernproblem und zugleich das Prinzip interaktiver Dokumentation: Sie bricht mit der klassischen Autorität des Filmemachers auf und delegiert Teile der narrativen Kontrolle ins Publikum. Am Set merkst du das anfangs gar nicht — du drehst wie üblich. Aber im Schnitt wird es komplex: Du musst nicht eine Geschichte erzählen, sondern mehrere Pfade vorbereiten, die sich überschneiden, verzweigen, möglicherweise wieder zusammenführen.
Praktisch funktioniert das meist so: Der Zuschauer trifft an Entscheidungspunkten Wahlmöglichkeiten — welcher Perspektive folge ich, welche Informationsebene interessiert mich, welche Figur soll ich näher kennenlernen. Jede Wahl führt zu anderem Material, anderen Interviews, anderen Schnittfolgen. Das ist fundamental anders als klassische Montage, wo du als Editor entscheidest, wann welche Information kommt. Hier bestimmt der Viewer das Tempo und die Route durch dein Material. Das erfordert eine andere Dramaturgie — nicht linear, sondern rhizomatisch. Jeder Ast muss eigenständig funktionieren und trotzdem kohärent bleiben zum Ganzen.
Die technische Umsetzung variiert: Manche Produktionen nutzen spezialisierte Plattformen oder Apps, andere arbeiten mit HTML5-Interfaces oder Echtzeit-Engine-Technologien. Das ist nicht mehr klassischer Film im Kino — es ist hybrid, zwischen Film, Spiel und Archiv. Du brauchst Designer, Programmierer, nicht nur Schneider. Der dokumentarische Anspruch bleibt: echte Geschichten, echte Menschen, echte Recherche. Aber die Vermittlung wird zur Interaktion. Einige nennen das Partizipation, andere sehen darin den Tod des kuratierten Werks. Tatsächlich ist es ein Mittelweg — du schaffst das Material und die Struktur, aber nicht die finale Erfahrung. Die ist individuell. Das macht solche Projekte auch schwer zu beurteilen: Zwei Zuschauer erleben völlig unterschiedliche Filme, obwohl sie beide dein Material konsumiert haben. Das stellt experimentelle Dokumentaristen vor neue Möglichkeiten, Geldgeber vor das Problem fehlender Normierung.