Westdeutsche Filmströmung der 1960er–70er, die das Heimatfilm-Genre dekonstruierte — statt Kitsch: gesellschaftskritische Perspektive auf Dorf, Tradition und Autorität.
Die westdeutsche Filmlandschaft der sechziger Jahre brauchte einen Schlag ins Gesicht. Das traditionelle Heimatfilm-Genre — kitschig, versöhnlich, autoritätshörig — war für eine neue Generation von Regisseuren und Drehbuchautoren schlicht unwählbar geworden. Sie nahmen die Formensprache des Heimatfilms, seine Landschaften, seine Dorfgesellschaften, und drehten sie um. Was herauskam, war nicht mehr das sentimentale Bild von heiler Welt, sondern ein analytisches Röntgenbild von Repression, Sexualität und historischer Schuld.
Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Reinhard Hauff — diese Regisseure verstanden das Dorf nicht als Rückzugsort der Seele, sondern als Ort der Machtstrukturen. Der neue Heimatfilm war immer auch ein politischer Film. Er zeigte, wie Tradition als Instrument der Kontrolle funktioniert, wie Sexualität von Konvention erstickt wird, wie die NS-Vergangenheit in den Provinzen nachwirkt. Florens Delaporte's Jagdszenen aus Niederbayern ist das Paradebeispiel: ein Film über einen schwulen Mann in einem Dorf, umgeben von ritualisierter Gewalt und Normalität, die wie eine Falle wirkt.
Am Set oder im Schnitt erkannte man diese Filme sofort an ihrer Nüchternheit. Nicht die Bergwiese in goldenem Licht — sondern flaches, dokumentarisches Licht auf kahle Straßen. Die Musik war dissonant oder völlig abwesend. Die Dialoge hart, oft Alltagssprache mit regionalen Färbungen, aber niemals folkloristisch verkleidet. Kamera und Editing arbeiteten gegen die malerische Versuchung — jede Schönheit wurde durch strukturelle Härte gebrochen.
Diese Filme entstanden im Kontext der Studentenbewegung, der Rote-Armee-Fraktion, des Vergangenheitszerfalls. Sie waren Teil des Neuen Deutschen Kinos, das international ausstrahlen sollte und wollte — weg vom Provinziellen, hin zur kritischen Moderne. Der Heimatfilm wurde zum ideologiekritischen Instrument. Nicht Flucht in die Natur, sondern Analyse der Gesellschaft, die sich in der Natur versteckt.
Heute, wenn man diese Filme wieder sieht, überrascht ihre Radikalität. Sie haben wenig Nostalgie für ihre Orte übrig. Aber genau das war die Absicht: den Heimatbegriff selbst zu dekonstruieren, ihn als Lüge bloßzustellen. Ein Lexikon-Begriff für einen Bruch — nicht bloß stilistisch, sondern ideologisch.